1313 - 700 Jahre Spital Mellingen

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Ein ewigü herberge und ein spital armer lüten

700 Jahre Spital Mellingen (Teil I)

Bild: Stiftungsbrief vom 26. März 1313. Diese Urkunde liegt im Stadtarchiv Mellingen

Am 26. März 1313 vermachte der ehemalige Mellinger Schultheiss, Hugo von Schänis, und seine Gattin Heilwig der Stadt ein Haus in Mellingen. Im Stiftungsbrief, der wohlerhalten im Stadtarchiv Mellingen
aufbewahrt wird, erklären die Wohltäter, in diesem Gebäude solle «ein ewigü herberge und ein spital armer lüten» eingerichtet werden.
Im Mittelalter gründeten in den Städten und auf dem Land vor allem Klöster solche Spitäler. Da in Mellingen kein Kloster existierte, war es ein grosser Glücksfall, dass reiche Mitbürger in christlicher Gesinnung eine solche Institution ins Leben riefen und auf diese Weise die Stadtkasse massiv entlasteten.
Reiches Stiftungsgut
Damit der Betrieb eines solchen Sozialwerks gewährleistet war, schenkte das Stifterehepaar neben dem obengenannten Haus noch eine grosse Anzahl weiterer Güter, welche Zinsen, Abgaben oder Naturalien für den Betrieb des Spitals abwarfen. Unter anderem war dies der Meierhof in Unterentfelden (in gewissem Sinn die «historische Nabelschnur» des Autors vorliegender Studie von seiner derzeitigen Wohngemeinde zu seinem Heimatort Mellingen).
Auch eine vermutlich daselbst gelegene Mühle gehörte zum Stifungsgut. Zu erwähnen sind u. a. auch drei Rebberge im Trostburger Twing. Dem heutigen Gemeindegebiet Mellingens rechts der Reuss, übrigens die ältesten Hinweise über den Weinbau in unserer Gemeinde. Neben weiteren Grundstücken im Trostburger Twing kamen noch Güter in Staretschwil und in Sulz bei Künten hinzu.
Die Bewohner
Das Spital Mellingen war nie ein Spital im heutigen Sinn. Laut Stiftungsurkunde war es vor allem ein Haus für Arme und Gebrechliche. Auch Waisen wohnten oft hier. Zudem kam es hie und da vor, dass, wenn eine schwangere Frau bei der Durchreise Wehen bekam, man ihr Gelegenheit bot, im Spital mit Beistand der städtischen Hebamme ihr Kind zur Welt zu bringen. Doch recht bald stellte sich der Brauch ein, dass Bürger und auch zeitweise Fremde gegen Bezahlung einer hohen Summe oder der Überlassung eines Landstücks sich im Sptal verpfründen und hier im Alter wohnen konnten. Durch diese Zahlungen gelangte das Spital zu immer mehr Vermögen. Doch davon in einem späteren Abschnitt. Im Spital lebten daher zum Teil habliche Leute, aber auch Arme. Deshalb wurde für Letztere eine separate Armeleutestube eingerichtet. Man gewinnt daher den Eindruck, dass sich im Laufe der Jahrhunderte im Spital teilweise eine Zweiklassengesellschaft bildete. Doch dürfen wir dem Heiliggeistspital, wie es seit dem 16. Jahrhundert genannt wurde, den sozialen Charakter nicht absprechen. So wurden aus dem Spitalvermögen Spenden an Mittellose verteilt. 1647 erhielt die gesundheitlich schwer angeschlagene Elsi Huber aus Barmherzigkeit Aufnahme im Spital. 1586 wurde einem armen, fremden Kriegsmann daselbst Unterschlupf gewährt. 1625 beschloss man, keine Auswärtigen mehr ins Spital aufzunehmen. Wahrscheinlich hatte der Dreissigjährige Krieg (1618-1648) viele bedürftige Flüchtlinge in unsere Gegend getrieben, sodass das Haus überbelegt war. Doch klopften finanzkräftige auswärtige Personen an die Tür, so drückte man oft beide Augen zu und gewährte ihnen trotzdem Unterkunft.

Rainer Stöckli


Bild-Nr.: 39942
Bild: Stadtarchiv Mellingen
Text: Rainer Stöckli
Copyright: Rainer Stöckli/Fotoarchiv-Mellingen

26.03.1313

Das Spital Mellingen - ein Finanz- und Immobilieninstitut

700 Jahre Spital Mellingen (Teil II)

Bild: Ausschnitt des Holzschnittes von Mellingen in der Chronik von johannes Stumpf (1548). Beim zweiten, rechts der Kirche direkt an der Reuss gelegenen Haus mit Treppengiebel handelt es sich um das Spital.

In der «Reussbote»-Ausgabe vom Mittwoch, 3. April wurde über die Gründung des Spitals vor 700 Jahren, dessen reichen Gebäude- und Grundbesitz und über die Spitalbewohner berichtet. Dank der grossen Einnahmen vonseiten vermögender Spitalbewohner verfügte das Spital reichlich über Finanzen und auch Naturalien, die ebenfalls teils in klingende Münzen umgewandelt werden konnten. Deshalb wurde der Spitalpfleger, der das Spital und dessen Einkünfte verwaltete, zum eigentlichen Investor, da die Einnahmen die Ausgaben, die für den Betrieb des Spitals nötig waren, bei Weitem überstiegen.
Reicher Geld- und Güterbesitz
Im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte verfügte das Spital über derart grosse Mittel, dass an Privatpersonen Geld ausgeliehen werden konnte - lange Zeit zum früher üblichen Zinssatz von fünf Prozent. Im Weiteren konnte der Spitalpfleger immer mehr Ländereien und Gebäude ankaufen, welche ebenfalls in reichem Masse Zinsen und Naturalgaben abwarfen. Die Letzteren wurden vermutlich in der Spittelscheune hinter dem Kirchturm zwischengelagert. Dieses hübsche Ökonomiegebäude aus der Zeit um 1600 ziert noch heute die reussseitige Front der Altstadt. Berechnungen aus dem 16. Jahrhundert ergaben, dass dannzumal die Einnahmen der politischen Gemeinde etwa gleich hoch waren wie jene des Spitals. Im 17. Jahrhundert sind Spitaleinkünfte von Liegenschaften aus folgenden Ortschaften belegt: Mellingen, Tägerig, Hägglingen, Mägenwil, Sulz bei Künten, Holzrüti, Müslen, Bellikon, Stetten, Fislisbach, Staretschwil, Ammerswil, Birrhard und Othmarsingen. Im gleichen Jahrhundert flossen aus 25 Gemeinden Geldzinsen von Darlehen, die der Spitalmeister gewährt hatte.
Die Gerichtsherrschaft Tägerig
Obwohl das Spital eine eigenständige soziale Institution war, bestand die grosse Gefahr, dass die politische Gemeinde die munter sprudelnden Geldquellen andern Zwecken zuführte. So kaufte die Stadt Mellingen 1542 der Familie Segesser für 1667 Gulden die Gerichtsherrschaft Tägerig ab. Das hierfür notwendige Geld entnahm man der Spitalkasse, in welcher bis weilen bis schätzungsweise 6000 Gulden lagen. Für uns heutige Menschen ist es fast nicht mehr vorstellbar, dass man mit einer Summe Geld eine Gerichts-herrschaft und andere Rechte eines Dorfes kaufen konnte. Doch von 1542 bis 1798 stand ein Mellinger Rat, der sogenannte Twingherr, dem Gericht von Tägerig vor, das alle Zivil- und Straffälle beurteilte, ausgenom- men jene, welche mit dem Tod bestraft wurden. Oft wurden zudem Gerichtsfälle von Schultheiss und Rat der Stadt direkt behandelt. Finanziell war der Kauf dieser Herrschaft für den Twingherrn aber auch für das Spital sehr lukrativ. Jeder Dorfgenosse, der ein Haus besass, musste beispielsweise dem Twingherrn jährlich 7 Schillinge und ein Fastnachtshuhn abliefern. Auch ein Grossteil der Gerichtsgebühren und der Bussen floss in seinen Sack. Hauptnutzniesser war aber das Spital: Es bezog grosse Mengen an Getreide und jährlich 45 Klafter Brennholz, zudem verschiedene Abgaben wie den Ehrschatz (Abgabe, der bei der Hand-änderung eines Grundstücks anfiel), den Abzug (eine Gebühr, die zu entrichten war, wenn insbesondere bei Erbschaften Geldbeträge die Gemeinde verliessen) und den Todfall.
Der Todfall war zu bezahlen, wenn der älteste im Mannesstamm einer Familie starb. In der Regel bestand bei Bauern diese Abgabe aus dem «Besthaupt», das heisst die Erben mussten dem Spital das wertvollste Stück Vieh übergeben.

Rainer Stöckli



Bild-Nr.: 39943
Bild: Stadtarchiv Mellingen
Text: Rainer Stöckli
Copyright: Rainer Stöckli/Fotoarchiv-Mellingen

26.03.1313