2024_Zeugnisse, ein gerechtes Urteil zu fällen, Pia Kriese

Geschichte > Aus Mellinger Städtlichroniken ab 1991

Zeugnisse, ein gerechtes Urteil zu fällen I, Pia Kriese

Um 1230/1240 gründeten die Kyburger auf der linken Reussseite das heutige Städtchen Mellingen. Es war strategisch gut gelegen, verfügte über eine Brücke, einen Markt, eine Schule und zeichnete sich durch Wirtschaftlichkeit aus.

1273 wurden die Habsburger Landesherren und verliehen Mellingen 1296 das Stadtrecht. Ein sehr vorteilhaftes Recht, mit vielen Freiheiten. Durch dieses Stadtrecht erhielt Mellingen auch die Hohe und Niedere Gerichtsbarkeit. Die Hohe Gerichtsbarkeit war für schwere Vergehen zuständig. Zur Hohen Gerichtsbarkeit gehörte auch das Blutgericht, das Mellingen aber erst um 1400 zugestanden erhielt. Letzteres urteilte bei Vergehen wie Mord, Totschlag, schwerem Raub, Gotteslästerung oder Brandstiftung. Diese Verbrechen wurden mit dem Tod bestraft. Bei weniger schwerwiegenden Missetaten hatte der Schuldige mit harten Körperstrafen zu rechnen. Das Hochgericht fand zwei Mal im Jahr statt und wurde auch Landtag genannt.

Die anderen Delikte gehörten zur Niederen Gerichtsbarkeit, zum Frevelgericht und Zivilgericht. ln diesen Fällen tagte das Gericht bis zu zwei Mal die Woche oder nach Bedarf.

Sicher versuchten die Gerichte in der Stadt nach bestem Wissen und Gewissen gerecht zu urteilen, trotzdem kam es durch Folterungen zum Erpressen von Geständnissen und zu falschen Schuldsprüchen.

Auf einem Rundgang durch das Städtchen begegnen wir immer wieder Hinweisen und Zeichen, die durch Kunst und Kultur an Gerechtigkeit und gelinde Urteile mahnen.

Geschenk von Murten
Wir beginnen bei der lbergwiese, auf ihr wurde 1992 die Murtenlinde eingepflanzt.
Am Eingangstor zu einer Stadt oder zu einem Dorf standen oft Lindenbäume. Der Baum war ein Ort für gesellschaftliche Zusammenkünfte, Versammlungsort, Gesetze zu erlassen und Gerichtsurteile zu fällen. Der Linde wurde nachgesagt, sie könne die Wahrheit ans Licht bringen. ln Teilen der Schweiz wurden unter ihr noch lange Zeit GerichtsverhandIungen abgehalten. Die dort gesprochenen Urteile galten als unanfechtbar und wurden mit dem Spruch «judicium sub tilia» (Gericht unter der Linde) urkundlich bezeichnet.
ln Mellingen wurden unter dieser Linde keine Urteile gefällt. Sie ist ein Abkömmling der berühmten Freiburger Linde, die der Sage nach im Zusammenhang mit der Schlacht von Murten steht, bei der auch Mellinger Bürger mitkämpften. Heute ist der Baum Treffpunkt für Menschen jeden Alters die sich vielleicht erinnern, was die Linde in früheren Zeiten bedeutete: Dass man hoffte, mit Feingefühl und Sorgfalt über andere Menschen zu urteilen.

Bild: Auf dem Foto links der Lindenplatz




Bild-Nr.: 41151
Bild: Mellinger Städtlichronik 2024
Text: Pia Kriese, Städtliführerin
Copyright: Pia Kriese, Städtliführerin - Mellinger Städtlichronik 2024

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Zeugnisse, ein gerechtes Urteil zu fällen II, Pia Kriese

Fresken im Kirchturm

Auf dem Weg ins Städtchen betreten wir zuerst den Kirchturm, er ist vermutlich so alt wie das Städtchen selber. Wenn wir unseren Blick zur Decke richten, entdecken wir kostbare Fresken aus dem späten 14.Jahrhundert, die einst die Chorwände der ehemaligen gotischen Kirche schmückten. Es sind Geschichten für Menschen, die meistens weder lesen noch schreiben
konnten. Der Bilderzyklus an der Südostwand des Turmes hat für die Kirche eine besondere Bedeutung. Er repräsentiert Johannes den Täufer und Johannes den Evangelisten, die beide eine Zeitlang gemeinsam Kirchenpatrone waren.

Die linke Darstellung zeigt die Hinrichtung von Johannes dem Täufer. Er behauptete, Herodes habe seine Frau verstossen und die seines Bruders geheiratet. Wutentbrannt steckte Herodes ihn ins Gefängnis. Als Herodes wieder einmal sein Geburtstagsfest feierte, tanzte seine Stieftochter Salome auf kunstvolle Weise für ihn und er versprach ihr, einen Wunsch zu erfüllen. Salome verlangte, dass Johannes hingerichtet und ihr sein Haupt auf einem Teller serviert werde.

Auf der rechten Seite sieht man das Ölmartyrium von Johannes dem Evangelisten. Domitian, römischer Kaiser von 81 - 96 n. Chr., hat ihn verurteilt, in einem Kessel mit siedendem Öl hingerichtet zu werden. Johannes hat dieses Martyrium unversehrt überstanden, wurde jedoch daraufhin auf die griechische lnsel Patmos verbannt.

Bei einer Restaurierung in den 1970er-Jahren entdeckte man die Malerei der wunderbaren Fresken mit den Johannes-Bildern, die unter dicken Malschichten aus der Renaissance- und Barockzeit verborgen waren. Es sind feine, farbige Darstellungen vom Geschehen, auf denen Salome sehr lieblich und unschuldig erscheint. Doch die Schönheit trügt, denn die Fresken zeigen Szenen von zwei erbarmungslosen Gerichten.

Kostbare Glasmalerei
Nach diesen eindrücklichen Bildern treffen wir bald auf die nächste Aufforderung «gutes Recht» zu sprechen. Sie befindet sich auf der hintersten Kabinettsscheibe der linken Wand in der Stadtkirche und ist ein Geschenk von «Statt und Ampt Zug 1629».
Diese meisterhafte Glasmalerei zeigt den Erzengel Michael mit der Seelenwaage. Er gilt als Seelenführer, der die Toten ins Paradies geleitet; auf seiner Waage liegt die Seele eines Verstorbenen. Als Richter prüft Michael die guten und schlechten Taten gegeneinander ab und richtet so über den Toten.


Bild-Nr.: 41151.1
Bild: Fotoarchiv Mellingen - Mellinger Städtlichronik 2024
Text: Pia Kriese, Städtliführerin
Copyright: Pia Kriese, Städtliführerin - Mellinger Städtlichronik 2024

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Zeugnisse, ein gerechtes Urteil zu fällen III, Pia Kriese

Salomonisches Urteil

Weitere Aufforderungen gerecht zu richten finden wir im Gerichtssaal. Nach dem verheerenden Stadtbrand von 1505 wurde im alten Rathaus (Eingang Grosse Kirchgasse) von 1528/29 eine grosse Bauaktivität festgestellt. Eine entscheidende lnnovation war sicher der Neubau des Brückentors links neben dem Rathaus, mit dem Gerichtssaal im ersten Obergeschoss. Bei bauarchäologischen Untersuchungen 2012/2014 wurde eine imposante Wandmalerei eines namenlosen Meisters aus dem 16. Jh. freigelegt. Die Existenz dieses Gemäldes war bis dahin unbekannt, es zeigt aber ein typisches Motiv für Gerichtssäle: die Darstellung des Salomonischen Urteils, das sinnbildlich für ein gerechtes Urteil steht.

Das Bild erzählt von zwei Frauen, die mit je einem Neugeborenen vor König Salomon treten. Eines der Kleinkinder ist tot. Beide Mütter beschuldigen sich gegenseitig, heimlich das eigene Kind mit dem lebenden der anderen vertauscht zu haben. König Salomon verlangt ein Schwert und entscheidet, das lebende Kind entzwei zu schneiden, um jeder Mutter eine Hälfte zu geben. Die falsche Mutter ist damit einverstanden. Die Mutter des lebenden Kindes verlangt aus mütterlicher Liebe den König: «Bitte Herr, gebt ihr das lebende Kind, und tötet es nicht». Der König erkennt so die richtige Mutter und gibt ihr das Kind zurück.

Zwei Richterstäbe
Ein weiteres lndiz sind die Kopien von zwei Richterstäben, deren Originale sich im Ortsmuseum befinden. Reiche Silberschmiedearbeiten zieren Anfang und Ende der Stäbe. ln der Mitte befindet sich ein Holzstab der ausgewechselt werden konnte. Als Zeichen seines Amtes hielt der Vorsitzende des Gerichtes - meist war es der Schultheiss - diesen Stab in den Händen und brach ihn bei Todesurteilen mit den Worten: «Hier bey uns menschen ist kein gnadt, bey gott ist gnadt». Die Redewendung «Den Stab über jemanden brechen», also jemanden verurteilen, finden wir noch heute in unserem Sprachgebrauch.

Wir verlassen die Altstadt und befinden uns auf dem Lindenplatz. 1729 beispielsweise musste hier eine Mellinger Bürgerin zwei Stunden in der «Trülli» stehen. Vorher wurde sie während zwei Stunden auf der Fischbank des Marktes blossgestellt und zudem für zwei Jahre von Stadt und Land verwiesen. Sie wurde wegen dreifachen Diebstahls von Strümpfen verurteilt. Aus unserer heutigen Sicht ein unverhältnismässig hartes Urteil für ein nichtiges Vergehen.

Auf dem Lindenplatz fanden bis circa 1950 auch Viehmärkte statt. Haben die Händler unter diesen Bäumen gerechte Preise ausgehandelt?

Die prächtigen Linden mussten leider Neubauten weichen und somit gibt es keine Zeugen mehr, die uns davon erzählen können, ob auf diesem Platz und im Städtchen gelinde und subtil geurteilt wurde.



Bild-Nr.: 41151.2
Bild: Fotoarchiv Mellingen - Mellinger Städtlichronik 2024
Text: Pia Kriese, Städtliführerin
Copyright: Pia Kriese, Städtliführerin - Mellinger Städtlichronik 2024

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