Texte zur Geschichte Mellingens/Die Wappen von Mellingen
Geschichte > Geschichte
Geschichte > Geschichte
Hoch interessant ist die Wappengeschichte von Mellingen, welche seinerzeit sozusagen in einen Wappenkrieg auszuarten drohte. Bis 1935 führte Mellingen in seinem Wappen in Rot eine weisse Kugel, vor 1512 in Weiss eine rote Kugel. An allen historischen Gebäuden und auf alIen alten Fahnen prangt die weisse Kugel in rotem Schild. Als dann 1935 die Feldschützen von Mellingen Bezirkslehrer Otto Hunziker (1900-1976) den Auftrag erteilten, ein neue Vereinsfahne zu entwerfen, empfand man das Kugelwappen als wenig aussagekräftig und Hunziker schlug vor, als Grundlage für ein neues Wappen das zweite Mellinger Stadtsiegel von 1296 (Wappenbeschreibung: «Unter rot-weiss-rotem Schildhaupt in gelb steigender roter Löwe») zu wählen.
Dieses Siegelbild war ein Novum: die Kombination des Österreicherwappens (weisse Binde in rot) mit dem Habsburgerwappen (roter Habsburgerlöwe in gelb). Noch 1935 erklärte der Gemeinderat das Löwenwappen als offizielle Version. Doch der Mellinger Vizeammann, Lokalhistoriker und Redaktor des «Reussbote», Albert Nüssli (1891-1984, Grossvater des heutigen Reussbote-Redaktors Benedikt Nüssli), konnte diese Kehrtwende nicht gutheissen und setzte über die offiziellen Mitteilungen der Gemeinde Mellingen im «Reussbote» weiterhin stets das Kugelwappen. Diese beiden Hauptkontrahenten im «Mellinger Wappenkrieg» konnten sich bis zu ihrem Lebensende nie einigen, welches nun das richtige Mellinger Wappen sei. Noch 1971 verteidigte Otto Hunziker in einer 9-seitigen Dokumentation zuhanden des Gemeinderats «sein» Löwenwappen. Dieses blieb denn auch bis heute das offizielle Wappen unserer Gemeinde. Irgendwie tut es mir Leid, dass ich meinem hochverehrten, ehemaligen Geschichtslehrer nicht Recht geben kann. Schon vor Jahrzehnten erklärte aber der Staatsarchivar und oberste Kantonsheraldiker Georg Boner die Kugel zum historisch einzig richtigen Wappenzeichen Mellingens.
Und im neuen Aargauer Wappenbuch (s. Reussbote 22. Oktober 2004) steht: «Es darf zudem nicht übersehen werden, dass das Siegel einer Stadt zur Bekräftigung von Urkunden nur einem kleinen Personenkreis bekannt war, nicht aber der breiten Bevölkerung. Dieser dürften die Fahnen, z. B. jene der ins Feld ziehenden Truppen, viel besser bekannt gewesen sein. Es gibt somit keinen Grund, Fahnen und Wappen nachträglich an alte Siegelbilder anzupassen, wie es z. B. 1935 in Mellingen geschah».
Zudem gelten möglichst einfache Wappenbilder als besonders bemerkenswert, denken wir nur an die Kantonswappen von Zürich, Luzern, Zug, Solothurn und Freiburg. Auch beim Mellinger Kugelwappen, das die gleiche Form wie Lenzburg – allerdings in anderer Farbgebung - hat, ist dieser Wunsch in hervorragender Art verwirklicht. Diese gleichen Wappenformen sind übrigens historisch leicht erklärbar: Mellingen war im Hochmittelalter im Besitz der Grafen von Lenzburg. Immer wieder wird auch die Frage aufgeworfen, was denn die Kugel im Mellinger Wappen bedeute. Eine schlüssige Antwort kann darauf nicht
gegeben werden.
Schliesslich ist noch anzufügen, dass im heutigen Mellinger Wappen zwei Wappenzeichen - jenes von Habsburg und jenes von Österreich - vereinigt sind. Nach heraldischen Grundsätzen müsste eigentlich die obere Hälfte die Österreicher Binde und die untere Hälfte der Habsburger Löwe einnehmen. Doch die Österreicher Binde ist im heutigen Wappen zu einem schmalen Streifen verkümmert.
Liebe Mellinger, glaubt nun aber ja nicht, ich möchte einen neuen «Wappenkrieg» entfachen. Ich sage jedem, der mich auf die Wappenfrage anspricht: «Ihr habt zwar historisch und heraldisch gesehen ein falsches, aber ein sehr schönes Wappen, auf
das ihr stolz sein dürft!»
Rainer Stöckli
Bild-Nr.: 39910
Bild: Reussbote
Text: Rainer Stöckli
Copyright: Rainer Stöckli, Reussbote