Weinbau in Mellingen - Die erste Erwähnung

Plan von Mellingen-Dorf von 1779 mit den schwarzen Flächen, welche damals noch Rebberge waren
Wir dürfen annehmen, dass in Mellingen sicher seit der Errichtung der Stadt in der Zeit um 1240 Weinbau betrieben wurde. Einschränkend müssen wir allerdings hinzufügen, dass sich einzig in Mellingen-Dorf, also im Gemeindegebiet rechts der Reuss, an den Südwesthängen Weinberge nachweisen lassen. Mellingen-Dorf wurde aber erst 1364 eine Niedergerichtsherr-
schaft der Stadt und 1798 endgültig in den heutigen Gemeindebann integriert.
Erstmals vernehmen wir 1313 vom Weinbau in Mellingen. Damals stiftete der ehemalige Schultheiss von Mellingen, Hugo von Schänis, zusammen mit seiner Gattin Heilwig das Heiliggeistspital am Kirchplatz in Mellingen. An dessen Stelle steht heute das derzeitige Rathaus. Zu den Stiftungsgütern gehörten 1313 auch zwei Weinberge, nämlich ein „Wingarten lit an dem gesteige‘“ sowie ein „wingarten, der gelegen ist wider Baden“:; der eine Rebberg ist also im Gsteig anzusiedeln, vermutlich identisch mit dem heutigen „Gäche Stei“, der Fortsetzung der Hohlen Gasse, welche, nachdem sie zwischen Winkel- und Spöndliacker kurz über offenes Feld führt, sehr steil ins Waldgebiet zwischen Brand und Buechwald sticht. Der andere Rebberg lag an der Landstrasse gegen Baden, dem heutigen Höhenweg.
Weitere Nachrichten aus dem Mittelalter
Bereits 1315 finden wir zusätzliche Hinweise über den Weinbau in Mellingen. Am 17. Januar dieses Jahres vermachte der Mellinger Bürger Ulrich Meier verschiedene Güter u.a. in Tägerig, Dättwil und Mellingen dem Kloster Gnadenthal. Für uns interessant ist besonders der „wingarten bi sant Ulrichs kilchen“, d.h. der Rebberg bei der Ulrichskapelle, welche in der Gabelung zwischen Hohler Gasse und Sonnenweg stand und 1835 abgebrochen wurde. Hier scheint sich das Zentrum des Weinbaus befunden zu haben, stand doch südöstlich der Kapelle auch die Trotte. Nicht umsonst wird dieses Gotteshaus in den Dokumenten öfters als „St. Ulrich in den Reben“ bezeichnet. Am 26. Juli 1315 verlieh auch Abt Heinrich von Muri dem Kloster Gnadenthal „ein wingarten ze Mellingen ... ob sant Ulrichen‘“. 1344 konnte Gnadenthal seinen Rebbesitz in Mellingen erneut erweitern. Es kaufte vom Kloster Muri u.a. einen „wingarten, ist gelegen ob sant Ulrich“ und einen „wingarten, dem man sprichet der gross wingart und gelegen ist bi dem Gesteige“. Neben den Klöstern Gnadenthal und Muri besassen aber
auch schon damals Privatpersonen Weinberge. Neben dem obgenannten Hugo von Schänis waren dies 1367 Johann IV. Segesser (+1424) und dessen Mutter Klara Schultheiss. Diese verpfändeten damals einen Weingarten unterhalb der Ulrichskapelle und einen andern bei der Buggenmühle. Anstelle dieser Doppelanlage stehen heute die Gebäude der Meli Fruchtsäfte AG und der Werkhof der Gemeinde Mellingen. Und drei Jahre später verkaufte die Zürcherin Adelheid von Walpersberg dem Mellinger Bürger Hensli Meyer einen Weinberg unterhalb des Rebwegs, d.h. unter dem heutigen Höhenweg.
Als dann 1441 das Kloster Gnadenthal drei Höfe in Mellingen-Dorf an die Stadt verkaufte, ist anzunehmen, dass auch etliche Weinberge in den Besitz der Bürgerschaft übergingen. Bemerkenswert ist auch eine Urkunde von 1454, aus welcher hervorgeht, dass Hensli Meyer von Mellingen und seine Gattin Verena Bitterkrut einen Acker besitzen, „genant der wingart acker ze Mellingen vor dem Grunberg gelegen‘“. Offenbar lagen also auch im Bereich des Gruemet einzelne Rebberge. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts tauchen noch weitere Mellinger Bürger als Besitzer von Weinbergen auf, so Hartmann Gerber, ein Gebenstorf, Heinrich Wirth, Hans Rudolf Segesser und Heinrich Holzrüti.
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Das Rebgebiet
Nach heutigen Erkenntnissen müssen sich die meisten Rebberge von der Buggenmühle (heute Meli Fruchtsäfte AG) bis hin zur Hohlen Gasse und von dort bis zum Küriberg, der Anhöhe nordwestlich der Rohrdorferstrasse, hingezogen haben. Auch der Abhang südöstlich dieser Strasse war teilweise mit Reben bestockt. Die grössten Flächen lagen oberhalb des heutigen
Höhenwegs und des Sonnenwegs (des ehemaligen Ulrichsgässli) und den Waldrändern von Buechberg und Brand. Aufgrund eines Plans von 1779 (s. oben) waren aber auch unterhalb des Höhenwegs von der Buggenmühle bis zum Ulrichsbrunnen Reben angepflanzt.
Deshalb hiess dieser Strassenzug schon im Mellinger Dorfrecht von ca. 1420/40 Rebweg und diente zugleich bis 1780 auch als Landstrasse nach Baden. Aufgrund dieses Dorfrechts, in welchem sich zahlreiche Hinweise über den Rebweg und die Weinberge finden, kann mit Sicherheit geschlossen werden, dass anfangs des 15. Jahrhunderts das Gebiet zwischen Buggenmühle und Ulrichskapelle zu einem schönen Teil Rebland war. Dass aber damals südöstlich der Hohlen Gasse bis zum Brand ebenfalls schon Reben standen, findet sich im Dorfrecht interessanterweise keine einzige Silbe. Es ist daher möglich, dass man diese Rebberge erst nach dem Alten Zürichkrieg (1436 bis 1450) anlegte. In diesen Kriegswirren wurden praktisch alle Höfe in Mellingen-Dorf niedergebrannt, die Gebäude nicht wieder aufgebaut und die meisten Ländereien von der Stadt und deren Bürger aufgekauft. Da Mellingen als wichtige Transitstadt ein wichtiger Etappenort war, das Gastgewerbe daher blühte und somit auch grosse Mengen Wein benötigt wurden, ist es durchaus denkbar, dass um die Mitte des 15. Jahrhunderts oder auch etwas später die Rebfläche nach Südosten ausgedehnt wurde. Im weitern ist anzunehmen, dass sich früher auch Rebberge ausdehnten, wo heute Waldgebiete sind. Trifft unsere Hypothese zu, es handle sich beim Gsteig tatsächlich um den heutigen „Gäche Stei“, so ist bekannt, dass dieser steile Anstieg heute durch Waldgebiet führt. Um 1600 wird auch erwähnt, zwischen den Bünten und dem Kunzenhau, dem Waldgebiet am andern Ende des Buechwalds gegen Fislisbach hin, seien Reben angepflanzt gewesen, was ebenfalls vermuten lässt, dieser Rebberg sei im
Bereich des heutigen Buechwalds gelegen gewesen. Ganz allgemein finden wir einige Hinweise, dass die Waldfläche in Mellingen-Dorf in früheren Jahrhunderten um einiges geringer gewesen sein muss.
Eine tragikomische Geschichte
Nach der Einführung der Reformation in Mellingen und der zwangsweisen Rekatholisierung der Bürger im Jahre 1531 herrschte im Städtchen vielfach eine gereizte Stimmung. Oft nahmen relativ geringfügige Streitigkeiten, wenn sie sich um religiöse Belange drehten, bedrohliche Formen an. So auch 1534. Wie es scheint, waren damals die Aussichten auf eine gute Traubenernte schlecht. In diesem Zusammenhang kam es zu einem heftigen Disput zwischen dem katholischen Pfarrer Hans Vonwiler von Mellingen und dem reformierten Hans Stutz von Rüti(hof?). Dieses Gespräch fand in der städtischen Badstube an der Grossen Kirchgasse (heute Haus Nr. 8) statt. Eben waren die Baderknechte daran, einen Strohhut zu flechten.
Da fragte der Pfarrer, ob er diesen Hut kaufen könne, worauf sich einer der Baderknechte interessierte, ob denn Herr Pfarrer auch Reben schneiden gehe. Vonwiler antwortete: ‚Ja. Es söllent alle Menschen wercken, und habe so hefftig hütt in Räben gewerckt, das Jn die hennd schmirtzten (=schmerzen).“ Darauf erkundigte sich Hans Meyer von Wohlenschwil, wie es
denn mit der Traubenernte stehe. Anderswo gehe die Klage um, „die Trübel fallent ab“. Der
Pfarrer gab zur Antwort, dank der Hilfe Gottes und der Heiligen habe es mehr als genügend Trauben. Denn wenn alle Früchte reif würden, gebe es kaum genug Fässer, um allen Wein einzukeltern. Weil im reformierten Glauben die Verehrung der Heiligen abgelehnt wurde, mischte sich Hans Stutz in das Gespräch ein und meinte, sicher sei für eine gute Traubenernte die Hilfe Gottes notwendig, aber dass zu diesem Zwecke auch die Heiligen angerufen werden müssten, dies lehne er strikte ab. Das Gespräch eskalierte, und schliesslich nannte Vonwiler seinen Gesprächspartner einen Ketzer und verliess die Badstube. Wegen dieser Reden wurde der Pfarrer der Verletzung des religiösen Friedens bezichtigt. Der Landvogt von Baden verlangte vom Gericht in Mellingen, den Pfarrer abzuurteilen. Doch dieser entzog sich diesem Prozedere durch Flucht. Schliesslich befasste sich 1535 sogar die eidg. Tagsatzung mit den beiden Streithähnen, konnte sich aber nicht zu einer konkreten Bestrafung durchringen. Der Fall verlief schliesslich im Sand, und der ganz allgemein streitbare Pfarrer verschwand aus dem Weichbild der Stadt.
Das Ungeld
Eine der wichtigsten Einnahmequellen der Stadt war das sogenannte Ungeld, eine Getränkesteuer, den die Wirte für den Ausschank von Wein und Most zu bezahlen hatten. Eingezogen wurde diese Abgabe von den sogenannten Ungeltern, welche bis 1625 jährlich viermal und seither dreimal diese Steuer einforderten. Diese Einnahmen wurden von den Ungeltern in die
Ungeltrödel eingetragen. Der älteste Rodel datiert von 1508. Von 1586 bis 1810 sind praktisch alle Rödel lückenlos erhalten und geben daher sehr interessante Einblicke in die Weinproduktion und insbesondere über den Weinkonsum im alten Mellingen. Da diese Abrechnungen aber sehr unterschiedlich und nicht immer sorgfältig geführt wurden, ist es trotzdem nicht möglich, eine aussagekräftige Statistik zu erstellen. Aber nur schon ein Blick in den ältesten Ungeltrodel von 1508 bietet uns interessante Schlaglichter ins politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben unserer Stadt vor bald 500 Jahren. Da damals noch viele Beamte und Inhaber kommunaler Ämter z.T. mit Speis und Trank abgegolten wurden, verrechneten die Wirte die Ungeltabgaben mit ihren Aufwendungen, die sie im Namen der Stadt für Amtspersonen und andere ausgegeben hatten. So hören wir, dass der Wirt zum „Roten Kopf“ - diese Gaststätte an der Hauptgasse ging schon im 16. Jahrhundert ein - 6 Mass Wein, d.h. rund 9 Liter, ausgeschenkt habe, als die Ratsherren die „Spitalwürst‘“ assen. Vermutlich wurde damals die Rechnung des Spitals geprüft. Recht häufig vernehmen wir, dass den Tagsatzungsgesandten, die auf ihrer Reise nach
Baden unser Städtchen passierten, Ehrenwein kredenzt wurde. Beispielsweise erhielten die Gesandten von Freiburg und Solothurn 6 Liter verehrt. Wenn dann an der Tagsatzung ein Mellingen betreffendes Geschäft behandelt wurde, setzten sich die so fürstlich bewirteten Ständevertreter sicher um so freudiger für die Belange unserer Gemeinde ein. Aus dem Rodel von
1609 geht auch hervor, dass mindestens 6 Wirte im Städtchen wirteten.
Da waren einmal die ehehaften Gaststätten „Hirschen‘“, „Löwen“, „Krone“ und der obgenannte „Rote Kopf“: diese obrigkeitlich anerkannten Gaststätten lagen alle am Markt; deren Wirte waren berechtigt, warme Speisen abzugeben und Fremde zu beherbergen. Daneben gab es die sogenannten Zapfenwirtschaften, die nur Eigengewächs ausschenken und Käse und Brot servieren durften. Im 17. Jahrhundert zählen wir zeitweise über 25 Zapfenwirtschaften.
Der Ungeltrodel von 1533 verrät uns, welche Weinsorten die Wirte am Lager hatten. Neben dem Landwein, also dem Wein aus Mellingen und Umgebung, wurde auch solcher aus dem Elsass und dem Breisgau angeboten.
- Von Mitte 1638 bis Mitte 1639 wurden laut Ungeltrödeln 567 Saum Wein, d.h. 88050 Liter Wein ausgeschenkt. Da damals etwa 400 Leute im Städtchen lebten, machte dies pro Jahr und Einwohner - Schüler und Kleinkinder inbegriffen - 220 Liter aus. Doch dieses Zahlenbeispiel liegt recht schief, ist doch zu berücksichtigen, dass auch viele Durchreisende hier in Mellingen ein Schöppchen tranken, ein weiterer Hinweis, wie wichtig Mellingen früher als Etappenort für Kaufleute, Postboten, Militärs, Politiker und Fuhrleute war.
Eine Durchsicht der Rödel im 18. Jahrhundert zeigt uns eindeutig, dass damals in den Gaststäten wesentlich weniger Wein ausgeschenkt wurde als früher. Meist waren es nur noch 300 bis 500 Saum, d.h. 30'000 bis 45'000 Liter. Offenbar hatte die Stadt wegen der Übernahme Mellingens nach dem 2. Villmergerkrieg durch die eher puritanischen Stände Zürich, Bern und
Glarus als Hort der Fröhlichkeit eingebüsst. Auch als Wirtschaftsstandort war unsere Gemeinde nicht mehr so bedeutend.
Die Trotten
Im Mellinger Dorfrecht von 1420/40 vernehmen wir das erste Mal von einer Trotte in Mellingen. Möglicherweise gehörte diese damals den Einwohnern von Mellingen-Dorf. 1504 war die Trotte bei St. Ulrich im Besitze von Hansrudolf und Hansulrich Segesser, später gelangte diese an die Familie Singisen und 1637 ans Kloster Muri. Doch war die Kapazität dieser Trotte offenbar zu gering, weshalb sich Mellingen 1647 endlich entschloss, am Ulrichsgässli eine eigene Trotte zu bauen und einen städtischen Trottenmeister anzustellen. 1737 wurde das Gebäude stark erneuert. Laut einem Katasterbeschrieb von 1808 war dieses Gebäude zweistöckig, aus Stein gebaut und mit Ziegeln gedeckt. Es war rund 15 Meter breit und 20 Meter lang. 1863 vernehmen wir, in der städtischen Trotte seien 34’000 Liter Wein gepresst worden. Da es aber noch andere private Pressen gab, war die Menge des gewonnenen Weins noch um einiges grösser. Um 1885 wurde der Betrieb der Trotte eingestellt und ein Teil des Inventars verkauft.
Das Ende des Rebbaus
Wie wir schon gehört haben, wurde die Trotte ab 1885 nicht mehr benutzt. Die Rebfläche in Mellingen verringerte sich am Ende des letzten Jahrhunderts ständig. Reblaus und falscher Mehltau setzten den Pflanzen immer mehr zu.
Obwohl der Regierungsrat anordnete, die Reben seien jährlich mindestens einmal zu spritzen, konnte dem Rebsterben in Mellingen nicht Einhalt geboten werden. 1895 wurde in Mellingen beschlossen, das Spritzen auf genossenschaftlicher Ebene zu organisieren und zwei „Rebspritzer“ anzustellen. Bezüglich des Reblausbefalls musste dem Bezirksamt Jährlich ein
sogenannter „Reblausbericht‘“ eingereicht werden. Während wir 1804 noch 51 Rebbesitzer feststellen können, waren es um 1900 nur noch deren 13, die 245 Aren bewirtschafteten. 1907 war der grösste Teil der Weinberge gerodet. Allerdings ist das Ende der Mellinger Rebbautradition noch viel zu wenig erforscht.
Wein - ein köstlicher Saft
Wein war in früheren Jahrhunderten das Getränk schlechthin. Kürzlich las ich in einem Brief von Abt Plazidus Zurlauben von Muri an seinen Bruder, Ammann Beat Jakob II. Zurlauben von Zug, vom 24. Mai 1706 folgendes:
Gerne komme er am nächsten Freitag, um Erbangelegenheiten zu regeln, nach Zug. Doch da der Freitag damals noch ein Fasttag war und für Mönche besonders strenge Regeln galten, meinte Abt Plazidus, er halte es, um Zeit zu sparen, schon ohne Mittagessen aus. Aber ein Glas Wein stehend zu trinken, liege durchaus drin. Auf Wein musste also auch an einem Fasttag nicht verzichtet werden. Um so mehr freute man sich aber am Wein an festlichen Tagen. Hoch zu und her ging es in Mellingen jeweils am „hübschen Montag“, d.h. am Pfingstmontag, wenn die Einwohner der umliegenden Dörfer und Städte zu einem fröhlichen Umtrunk eingeladen wurden. So schenkten am „hübschen Montag“ 1508 verschiedene Wirte auf Kosten der Stadt die stolze Menge von 110 Litern Wein aus.
Bild-Nr.: 01193
Bild: Rainer Stöckli
Text: Rainer Stöckli
Copyright: Rainer Stöckli
1779